„Karate ist eine Frage von Stil und Charakter“

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Seit über 40 Jahren ist Wilfried Nickel Karate-Kampfrichter

„Yame!“ Schluss, alles steht still! Corona hat den Wettkampfbetrieb ausgeknockt. Wie auf Kommando gab es keine Karate-Turniere mehr, Training war nur noch eingeschränkt möglich; diese Situation hätte sich Wilfried Nickel zu Beginn seiner Schiedsrichter-Tätigkeit nicht vorstellen können. Seit über 40 Jahren ist der Ehrenpräsident des Karate-Club Seelze Kampfrichter und besitzt mit der A-Lizenz die höchste deutsche Zulassung.

Auch international ist er ein gefragter Unparteiischer, leitete Kämpfe bei World-Cup-Turnieren in Neuseeland oder Malaysia. Jetzt stand er nach Monaten beim Tora-Cup erstmals wieder auf der Matte.

 

IMG 6130Präzision entscheidet

Rumms! Ein Schlag zum Kinn, der Boxer taumelt, geht zu Boden – Sieg durch K.o. Anders im Karate: Harte Treffer führen nicht zum Erfolg, sondern zu Verwarnungen. Wer den Gegner trifft, knockt sich selbst aus. Im Karate siegt die mentale Stärke. Technik und Präzision machen den Unterschied. Doch Schnelligkeit erfordert ein gutes Auge.

„Corona hinterließ auch bei uns Spuren. Beim Tora-Cup zeigten manche Kämpfer Trainings-Defizite. Aber auch Schiedsrichter müssen topfit sein.“ Bruchteile von Sekunden und Abstände von Haaresbreite entscheiden. Punkt? Kein Punkt? Für den Hauptkampfrichter und die am Mattenrand postierten Kollegen nicht immer leicht zu sehen. „Trotz unserer korrekten Anzüge sind wir die Unsichtbaren, die Kämpfer stehen im Mittelpunkt. Selbstverständlich freuen wir uns über Komplimente nach einem gut geführten Kampf.“

Wenn Füße und Fäuste fliegen, ist Fingerspitzengefühl gefragt

So diszipliniert Karateka auch sind, wenn das Adrenalin rauscht, und der Kampfgeist die Muskeln spielen lässt, muss der Schiedsrichter ein Händchen für die Situation beweisen. Jeder Kämpfer will den entscheidenden Punkt machen, schnell geht im Eifer des Gefechts eine Faust zu weit. „Wenn die Kämpfer übermotiviert sind, lass ich sie einfach mal die Karateanzüge richten, damit sie wieder runterkommen“, verrät der Mattenchef seine Tricks. „Wir wollen keine übertriebene Härte, aber auch kein Theater. Wer den sterbenden Schwan markiert, kassiert ebenfalls eine Verwarnung.“ Doch anders als bei anderen Sportarten gibt es beim Karate nichts zu meckern. Selbst umstrittene Schiedsrichter-Entscheidungen werden mit einer Verbeugung entgegengenommen.

„Zum Karate gehört der gegenseitige Respekt wie die japanische Kirschblüte zum Frühling: Ohne Umgangsformen ist selbst der beste Kämpfer ein Verlierer. So kann es passieren, dass er allein aufgrund einer fehlenden Verbeugung am Ende einer Kata disqualifiziert wird,“ betont Nickel.

Kampfrichtergespraech

Jetzt muss Corona zunächst besiegt werden

 

Corona hat Karate einen gründlichen Strich durch die Rechnung gemacht, unter anderem weil die Olympischen Spiele der Pandemie zum Opfer fielen. „Unsere Kampfkunst hätte bei ihrer olympischen Premiere ein breiteres Publikum erreicht. Auch wäre es die Chance gewesen, das teilweise komplizierte Regelwerk zu verstehen.“ Doch jetzt muss zunächst der Virus bekämpft werden. „Auch hier sind Disziplin und Rücksicht gefragt“, betont der Ehrenpräsident des Karate-Club Seelze und verspricht: „Ich habe mir vorgenommen, länger als COVID 19 zu bleiben.“